Hilft Aikido gegen Stress? Und wenn ja, wie funktioniert das?
Es gilt unter Aikidokas als unbestritten, dass Aikido besonders wirksam Stress abbaut. Aber warum ist das so? Natürlich ist Bewegung immer gut gegen Stress. Aber ist das schon Alles? Dann könnte man ja, um den gleichen Effekt zu erzielen, auch im Fitnessstudio im Hamsterrad laufen.
Neulich bin ich über einen Artikel gestolpert, den der Psychologe Robert Epstein für die Zeitschrift Scientific American geschrieben hat: How to fight a frazzled Mind. Darin listet Epstein vier Kompetenzfelder auf, die seiner Meinung nach essentiell für die Bewältigung von Stress sind. Dazu gehören nicht nur die sattsam bekannten Entspannungstechniken (Meditation, Atemtechniken, Muskeln bewusst anspannen und und dann wieder loslassen) und die Gedankenkontrolle (Think positive, Situationen später im Geist noch einmal durchgehen und neu bewerten), sondern auch das Quellmanagement (Ressourcenpflege: Läuft mein Computer tatsächlich, kann ich mit meinem Handy wirklich arbeiten? Habe ich einen hinreichend großer Schreibtisch?) und die Arbeitsplanung (Terminüberschneidungen vermeiden, Prioritäten setzen, klare, verbindliche Ziele definieren und Zeit zwischen Meetings einplanen).
Epsteins Credo: 1) Stressbewältigung kann man lernen. Das ist natürlich nicht wirklich neu, und kein Hexenwerk, aber 2) viel wichtiger als die reaktiven Strategien (Entspannung, positive Umdeutung) sind die proaktiven Strategien (Ressourcenpflege und Arbeitsplanung).
Soweit, so gut. Was hat das mit Aikido zu tun? Erstmal so direkt noch nichts, aber ich glaube, dass Epsteins Einordnung nur ein Teil der Wahrheit beschreiben – der subjektive Teil (mein eigener Anteil) bleibt unterbelichtet.
Was das bedeutet? Nun, ich kann – aus praktischer Erfahrung – in letzter Zeit recht gut beobachten, was mich am meisten stresst: Das sind nicht – zumindest nicht nur – knappe Termine, Hektik und Arbeitsverdichtung. Was mich wirklich stresst ist, wenn ich nicht weiß, ob ich ein Problem, das mir ganz plötzlich auf den Tisch gepackt wird, überhaupt lösen kann. Was mich wirklich stresst sind Vorgesetzte, die einfach nur sagen: Mach, dass es geht. Wie, ist mir egal.
Genau da könnte Aikido helfen. Denn über das wiederholte Üben in bekannten, sicheren Szenarien und einer vertrauten Umgebung lerne ich, genau das zu handhaben: Plötzliche, unerwartete und unbekannte Angriffe. Ich lerne – im Idealfall – die Welt so zu nehmen, wie sie ist (mit all ihren unangenehmen Überraschungen). Ob was kommt, oder nicht, kann ich ja nicht beeinflussen. Ich muss aber lernen, mich zu öffnen, und das, was sich vor mir abspielt tatsächlich wahrnehmen. Zeitdruck spielt in diesem Zusammenhang nur eine untergeordnete Rolle.
Ich habe allerdings bewusst könnte geschrieben, weil die Art, in der wir meistens üben, in diesem Sinne nicht unbedingt funktioniert. Denn auch im Randori sind die Bewegungsmuster oft zu eingespielt. Da bewegen wir uns nur scheinbar auf sicherem Grund – in Wirklichkeit trägt das Eis nicht.