Sitzen

Ich liebe es, Päckchen zu bekommen. Auch wenn ich weiß, was drin ist, weil ich sie selber bestellt habe. Das Kind in mir darf deswegen immer mal wieder neue Bücher im Internet ordern – auch wenn der Besuch eines richtigen Bücherladens natürlich seinen ganz eigenen Reiz hat.

In einem der letzten Päckchen befand sich  das Buch “Kampfkunst als Lebensweg” – eine, manchmal anstrengende, aber auf jeden Fall interessante Zusammenstellung von Interviews mit und Texten von verschiedenen hochrangigen Kampfkunst-Meistern. Im letzten Text des Buches, der “Geographie des Schweigens” erzählt Gerhard Walter unter anderem von seinen Zen-Erfahrungen.

Ob und wieviel dieses Zen-mäßige mit Aikido zu tun hat, ist eine Frage, die woanders diskutiert werden sollte. Ohne Zweifel übt die offenbar mit Zen verbundene Reduktion auf “das wesentliche” – was immer das ist – einen großen Reiz auf viele aus, die sich mit Aikido beschäftigen. Zen, lernen wir von Walter, sei eigentlich ganz einfach: Man müsse nur lernen, richtig zu stehen, richtig zu gehen und richtig atmen.

Fehlt noch was? Stimmt, vom richtigen sitzen hat er nicht gesprochen. Dabei gehört das meiner Meinung nach – zumindest für Schreibtischarbeiter wie mich – zu den schwierigsten Disziplinen.Ich habe angefangen, diesen Text zu schreiben, während ich auf dem Boden gesessen habe. Und ich muss leider zugeben:  es war nicht wirklich angenehm. Keine Ahnung, was da eigentlich für Muskeln und Sehnen verkürzt sind, oder zu steif. Aber wenn ich im guten alten Schneidersitz auf dem Boden sitze, neige ich immer dazu, mich nach vorne zu kauern, weil ich das Gefühl habe, umzukippen, wenn ich zu aufrecht sitze. Nach einiger Zeit schlafen die Beine ein. Frustrierend oder?

Offenbar lässt sich da noch einiges lernen. Ich arbeite jedenfalls schon seit einigen Monaten daran, diese eigentlich sehr simple Fähigkeit wieder zu erlernen. Und ich habe ganz stark den Eindruck, dass auch hier wieder der Trick daran besteht, sich richtig zu entspannen: Das Problem scheint nicht so sehr zu sein, dass ich die unteren Bauchmuskeln und den Beckenboden nicht vernünftig ansteuern kann, sondern dass diese Muskeln im Normalfall eher zu verkrampft sind.

Zum Glück bin ich mit diesen Problemen offenbar nicht allein. Stanley Pranin von aikidojournal.com hat ein lustiges, kleines Video online gestellt, in dem er erklärt, welche Yoga-Übungen er in sein Aufwärmtraining integriert hat, weil sie ihm geholfen haben, seine chronischen Rückenschmerzen zu beseitigen. Ich habe das mal ausprobiert, und es scheint mir tatsächlich nützlich. Vielleicht lerne ich auf meine alten Tage also doch wieder, einfach zu sitzen, ohne dass ich eine Stuhllehne und weiche Polster brauch. Mal schauen, wie lange ich dann brauche, um den Rest (stehen, atmen und gehen) zu bewältigen. Angeblich ist man ja nie zu alt, um dazu zu lernen.