In Dresden, im Zwinger, genauer der Porzellansammlung August des Starken, steht eine chinesische Vase mit diesem berühmten Bild von den blinden Alten, die einen Elefanten betasten. Und jeder gibt natürlich eine andere Beschreibung davon, wie ein Elefant ist, weil jeder einen anderen Körperteil des Tieres betastet hat. Die Story wird von Anhängern der Glückskeks-Philosophie gerne zitiert, um zu belegen, dass man die Wirklichkeit eben einfach nicht komplett erfassen kann (und das haben natürlich schon die alten Chinesen gewusst, während wir dummen Westler es einfach nicht glauben wollen).
Wenn ich mich richtig erinnere, sagt die Beschreibung, dass die Wörter für Elefant und Realität im Chinesischen identisch sind – wenn das stimmt, würde es die Geschichte zumindest plausibler erscheinen lassen. Schade, dass ich kein Foto von dem Ding gemacht habe.
Aber warum erzähle ich das? Weil, auf eine übertragene Weise, an dem esoterischen Empiriokritizismus – ja, diesmal ist auch was für Freunde komplizierter Wörter dabei – was dran ist. Als ich nämlich so da stand, und das Ding betrachtete, dämmerte mir, dass es unter Umständen doch Sinn machen könnte, mit diesem Blog weiterzumachen.
Denn zwischendurch hatten mich arge Zweifel geplagt. Naturgemäß sind die Texte, die ich hier hinterlasse sehr subjektiv, ohne dass ich wirklich tiefgründige Weisheiten verbreiten könnte. Über Aikido an sich zu sprechen, oder das, was es so mit einem macht – persönliche Entwicklung und all dies – ist das nicht nur etwas für Menschen jenseits des Meistergrades?
Mittlerweile denke ich, dass das nicht der Fall ist. Jeder von uns sieht, hört und erlebt andere Details. Für den einen ist dieses Detail wichtig, für die andere jenes. Man kann sich in der Fülle dieser Details verlieren, oder sich entspannen und hier und da eine Anregung finden – was man nicht brauchen kann, lässt man halt wieder weg. Nur eines halte ich mittlerweile für sicher: Die Veränderung beginnt, sobald man das erste mal die Matte betreten hat. Und da jeder von uns andere Voraussetzungen mitbringt, ist auch die Wechselwirkung mit Aikido immer eine andere. “Es macht”, sagt meine Liebste, die das grade gelesen hat, “unablässig was mit einem. Das kann ich von außen bestätigen”. In diesem Sinne, viel Spaß beim weitermachen.
Es ist für mich gerade Deine persönliche Sichtweise, die Deine Texte für mich interessant macht. Nimm sie Dir nochmal vor und versuche, das Subjektive hinauszuredigieren, und schau dann, was bleibt. Vermutlich sowas wie Langeweile.
Warum geht man zu einigen Leuten gern ins Training und zu anderen vielleicht nicht? Obwohl sie das Gleiche vermitteln? Weil ein Teil des Gezeigten eben auch die Persönlichkeit wiedergibt. Und die macht es spannend und sorgt für die Eindrücke von Sympathie (oder eben nicht).
Oh, und vom Grad des Zeigenden oder Schreibenden ist das imho ziemlich unabhängig.
Empiriokritizismus, wundervoll!
Dir und Markus muss ich mich hier voll und ganz anschließen: Nachdem ich mittlerweile den oft als solchen angepriesenen “Meistergrad” im Judo erlangt habe, bin ich mehr denn je der Auffassung, dass diese Bezeichnung einen Trugschluss indiziert. Man muss sich mal vor Augen führen, dass man als Yudansha “nur” Inhaber einer Graduierung ist. Shodan bedeutet ja auch nichts anderes als “Anfänger-Stufe”. Sollte nun also das Sprechen über Budo nur den Meistern vorbehalten sein, gäbe es wesentlich weniger interessante Dinge zu lesen – ganz vorne mit dabei dein Blog.
Wir sagen hier oft, dass mit dem 1. Dan das Abitur geschafft ist und nun das Studium begonnen hat. Was dann eigentlich ein Meister ist, wäre dann immer noch nicht geklärt. Ab 8. Dan? Ab 9. Dan? Erst ab 10. Dan? Nur Doshu? Nur O-Sensei?